Pater Dietmar Schon OP
"Raststätte für die Seele"

Die Autobahn A 8 gehört zu den wichtigsten und vielbefahrendsten Verkehrsadern Europas. Westlich von Augsburg steht in ihrer unmittelbaren Nähe die Autobahnkirche "Maria, Schutz der Reisenden". Wer sie besuchen möchte, kann sie über die Ausfahrt Adelsried bei Augsburg erreichen. Während auf der Autobahn pausenlos der Verkehr vorbeirauscht, lädt die Autobahnkirche ein, Rast zu machen und sich ein wenig Stille zu gönnen - für viele eine willkommene Unterbrechung von den Gegebenheiten einer technisierten Welt und mobilen Gesellschaft. Vom Parkplatz führen ein paar Schritte durch einen kleinen Park mit Bäumen, Blumen, einem Brunnen und einem kleinen Teich. Licht und Schatten, Pflanzen und Wasser sind Symbole für eine natürlichere Welt als die selbstgemachte aus Geschwindigkeit, Leistung, Planung und Organisation. Am Ende einer kurzen Treppe steht die Autobahnkirche. Ihre Vorder- und Rückseite besteht fast nur aus Glas: so wird die Umgebung der Kirche nicht ausgeschlossen, sondern bewusst in den Raum einbezogen. Die Kirche ist hell, klar gegliedert, sehr einfach, fast karg. Dennoch strahlt sie eine Atmosphäre aus, die viele Besucher wahrnehmen; in einem kürzlich vom Bayrischen Fernsehen gesendeten Filmbeitrag wurde die Autobahnkirche deshalb als "Raststätte für die Seele" bezeichnet. Auch vierzig Jahre nach dem Bau dieser ersten Autobahnkirche in Deutschland erfüllt sie ihren Hauptzweck, nämlich Menschen, die unterwegs sind, einen Raum der Stille, der Sammlung und des Gebetes zu bieten. In den letzten Jahren wird ein anderes Anliegen immer wichtiger: Immer mehr Menschen sind in einem geistlich-spirituellen Sinn unterwegs. Viele können mit Kirche oder Gott nichts (mehr) anfangen. Die Autobahnkirche bewährt sich als Möglichkeit, sich den Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Bedeutung von Begegnungen mit anderen Menschen oder bestimmten Situationen klar zu werden. Andere sind enttäuscht, resigniert oder von Problemen geplagt. Die Autobahnkirche ist für viele eine zusätzliche Chance, sich diesen inneren Nöten zu stellen und zu erfahren, dass Gott sie nicht allein lässt. Viele Menschen wissen nicht, welchen Weg sie einschlagen sollen. Die Autobahnkirche wird für viele zu einem Anknüpfungspunkt, vor Gott nach Antworten zu suchen.

Autobahnkirche - eine Alternative oder eine Ergänzung?

Trotz solcher positiver Eindrücke, die Besucher immer wieder hervorheben oder im aufliegenden Fürbitt- und Gästebuch niederschreiben, würde sich eine breitere Öffentlichkeit kaum für die Autobahnkirche interessieren, wenn nicht manches anders wäre, als es in vielen Kirchen zu beobachten ist. Da ist zunächst einmal die Zahl der Besucher. Die Kirche ist Tag und Nacht geöffnet; wann immer man sie besucht, man ist kaum je allein dort. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, die meisten Besucher jedoch halten inne zu einem Moment der Stille oder des Gebets. An jedem Sonn- und Feiertag werden drei Messen gefeiert, um 8, 10 und 18 Uhr. Der Gottesdienstbesuch ist vor allem während des Sommers und zur Skisaison so erfreulich, dass seit Jahren die Messfeier nach draußen übertragen wird. In den Sommermonaten können gläserne Schiebetüren geöffnet werden, um die draußen Stehenden besser einzubeziehen. Die meisten Gottesdienstbesucher müssen stehen; wenn in den Wintermonaten der Kirchenraum keinen Platz mehr bietet, stehen viele in der offenen und deshalb nicht heizbaren Vorhalle und lassen sich auch von dieser Unbequemlichkeit nicht von einer Mitfeier abschrecken. Der Anteil männlicher Gottesdienstbesucher ist deutlich höher als es andernorts zu beobachten ist, ähnliches gilt für den Anteil von Familien mit Kindern, jungen Erwachsenen und Jugendlichen. Außerhalb der regelmäßigen Gottesdienstzeiten ist die Autobahnkirche das Ziel ganz verschiedener Gruppen, die die Autobahnkirche zum gemeinsamen Beten oder Singen aufsuchen; das Spektrum reicht von Reisegruppen, die von Unternehmen angemeldet werden, über Pilgergruppen bis hin zu Firm- oder Ministrantengruppen auf einem Ausflug. Die Besucher der Autobahnkirche sind ausweislich des Fürbittbuchs zum größten Teil Menschen, die im äußeren Sinn unterwegs sind; hinzu kommen z.T. regelmäßige Besucher aus einem Umkreis von bis zu 150 km, die selbst weitere Anfahrten nicht scheuen, um dort zu Stille und Gebet zu finden. Bei den Gottesdienstbesuchern kann man drei Gruppen unterscheiden: eine kleinere Gruppe kommt aus einem Umkreis von ca. 30 km, wobei einige der Ursprungsgemeinden priesterlos sind. Die nächstgrößere Gruppe kommt aus einem Umkreis von ca. 150 km, darunter gibt es regelmäßige Besucher, wenn natürlich auch nicht wöchentlich; so weiß ich von Menschen aus Stuttgart und dem Bodenseegebiet, die vielleicht einmal im Monat teilnehmen, z.T. verbunden mit einem Familienausflug oder Verwandtenbesuchen. Die dritte Gruppe, die in den Sommermonaten zugleich die größte ist, umfasst Menschen aus allen Gegenden Deutschlands und darüber hinaus. Erstaunlicherweise gibt es selbst in dieser Gruppe regelmäßige Gottesdienstbesucher, wenn auch in größeren zeitlichen Abständen. Es wird oft unterschätzt, wie viele Menschen regelmäßig aus beruflichen oder familiären Gründen unterwegs sind und ihre Anfahrt so einrichten, dass sie am Gottesdienst teilnehmen. Obwohl ich seit sechs Jahren in der Autobahnkirche Gottesdienst feiere und predige und seit knapp zwei Jahren als Kurat der Autobahnkirche die Verantwortung für die Stiftung trage, bin ich selbst immer wieder überrascht, welche Resonanz die Autobahnkirche findet und was ganz verschiedene Menschen mit dieser Kirche verbindet.

„Autobahnkirche" als Ort der Verkündigung des Wortes

Für mich als Dominikaner ist die Frage besonders wichtig, welche Chancen zur Verkündigung die Autobahnkirche bietet. Zunächst einmal "predigt" in bestimmter Weise die Kirche selbst. Sie hat eine dichte Atmosphäre, die wohl die meisten Besucher anspricht und teilweise in ein Gebet hineinträgt. Worauf diese Atmosphäre letztlich beruht, weiß ich nicht, ich vermute aber, dass die Schlichtheit der Kirche und die Konzentration auf das Wesentliche (Kreuz, Lesepult, Altar, Tabernakel) zumindest dazu beitragen. Ich sehe meine Aufgabe als Kurat deshalb zunächst darin, die vorhandene Atmosphäre zu pflegen und bei Erhaltungs- und Renovierungsmaßnahmen sehr vorsichtig zu sein. Damit eng verbunden ist die Aufgabe, die "Predigt" des Kirchenraums nicht zu stören, d.h. den Besuchern die Freiräume zu erhalten, die sie offenbar suchen. Abgesehen von den regelmäßigen Gottesdienstfeiern gibt es keine "gemeindeähnlichen" Angebote, denn die Autobahnkirche kann und darf sich nicht an einem gemeindlichen Leitbild orientieren. Obwohl viele Menschen in Sorgen und Nöten zur Autobahnkirche kommen, haben sich z.B. Versuche, geistliche Gesprächsmöglichkeiten anzubieten, nicht bewährt. Umgekehrt kann es vorkommen, dass Menschen spontan um Rat oder das Beichtsakrament bitten; die in solchen Fällen regelmäßig vorhandene geistliche Not gebietet dann ebenso spontanes pastorales Handeln, wovon man sich auch durch z.T. unzureichende äußere Gegebenheiten nicht abhalten lassen darf. Die große Zahl der Besucher bringt kirchliche und nichtkirchliche Organisationen immer wieder auf den Gedanken, ihre Angebote an der Autobahnkirche anzusiedeln; vor dem dargelegten Hintergrund wird die Zustimmung dazu grundsätzlich verweigert, gleich, ob es sich um Straßenverkehrssicherheit oder um die Eröffnung einer Getränke- und Rostbratwurstbude handelt. Selbst Drehgenehmigungen für Fernsehgesellschaften werden nur sparsam und in angemessenen zeitlichen Abständen erteilt. Die meisten Menschen, die die Autobahnkirche aufsuchen, schätzen die Anonymität und scheuen jeglichen Ansatz, vereinnahmt, bemuttert oder "versorgt" zu werden. Als Kurat der Autobahnkirche habe ich diese Befindlichkeit der Besucher unbedingt zu achten. Ein zweiter Ansatzpunkt zur Verkündigung besteht in einem behutsamen, unaufdringlichen Angebot von Hilfen zu einer geistlichen Auseinandersetzung. An erster Stelle steht dabei das Fürbittbuch. Hunderte und Aberhunderte von Einträgen jeden Monat lassen an der Situation ganz unterschiedlicher Menschen teilnehmen. Einträge und Gebete in einer kirchlich geprägten Sprache sind eher selten. Dank an Gott spielt eine erstaunlich große Rolle. Die Bitten betreffen vor allem Gesundheit, Fürbitte für Kranke und Leidende, den Bereich zwischenmenschlicher Beziehung und Partnerschaft, die Suche nach Lebenssinn und -Orientierung. Die Sprache ist direkt, offen und absolut ehrlich. So schreibt z.B. ein Kind ganz selbstverständlich eine Bitte für sein krankes Lieblingstier; ein Jugendlicher schreibt: "Gott, wenn es Dich gibt, ich war hier!"; ein Erwachsener schreibt über eine Ehe- oder Sinnkrise oder über falsche Weichenstellungen in seinem Leben. Die Autobahnkirche bietet offensichtlich Spielräume, etwas "zur Sprache zu bringen", die es so sonst nicht gibt. Könnte diese Beobachtung eine Anfrage an vorhandene gemeindliche und kategoriale Seelsorgekonzepte sein?

Dazu gehören:

Manchmal wird greifbar, dass Menschen in ihrer inneren Not gar keine Worte finden, sondern zu stummen Gesten greifen, etwa ein Kerzchen anzünden. Andere finden etwas von ihrer Lebens- und Glaubenssituation in einer der angebotenen Bildmeditationen wieder und können mit deren Hilfe einen kleinen Schritt tun, sich ihrem Problem zu stellen. Impulse für Fernstehende und Suchende können durch ein offenes Angebot am kleinen Schriftenstand vermittelt werden. "Autobahnkirche" muss sich mit Impulsen begnügen, vielleicht nur einen kleinen Schritt voran zu wagen; andererseits ist sie offensichtlich ein Ort, wo jeder "dazu gehört", d.h. sich vor seinem Gott ohne Hürden zu überspringen einfinden kann, vor welchem Lebenshintergrund, welchem Erfahrungshorizont oder geistlichem "Standort" das auch immer sein mag. Die Verkündigung des Wortes Gottes in der Messfeier einer Autobahnkirche muss davon ausgehen, dass die Befindlichkeit der Gottesdienstbesucher prinzipiell dieselbe ist wie die derjenigen Menschen, die für eine kurze Zeit der Stille oder des Gebetes innehalten. Die zu vermutende Bandbreite ist beträchtlich: sie reicht von kirchlich engagierten Gottesdienstbesuchern bis hin zu solchen, die nur zur Predigt bleiben und wohl als Suchende anzusehen sind. Die Predigt in der Autobahnkirche bietet Chancen, weit über den Kreis der treuen Kirchenbesucher hinauszugreifen, der in Gemeindekirchen ansprechbar ist. Ohne dass es sich zahlenmäßig fassen ließe, blitzt in einzelnen Begegnungen und Gesprächen immer wieder auf, dass die Autobahnkirche ein Netz darstellt, das Enttäuschte, Resignierte und Menschen, die mit Kirche schlechte Erfahrungen gemacht haben, auffangen kann. Ihnen nützt eine Predigt, die solche Erfahrungen behutsam anspricht. Dazu kommen die schon angesprochenen Suchenden und Fernstehenden, denen die Verkündigung sicher nicht im "Hau-Ruck-Verfahren" eine kirchliche Beheimatung erwirkt, wohl aber über den nächsten kleinen Schritt orientieren und dazu ermutigen kann, ihn auch zu gehen.

Ein Haus im „Niemandsland":

Vor allem Journalisten zeigen sich bei Interviews immer wieder überrascht. Viele vermuten, dass der Zuspruch von Besuchern und Gottesdienstteilnehmern in der Autobahnkirche auf den "modernen" Themen Mobilität, Straßenverkehr und "unterwegs sein" beruht; sie erwarten mehr oder weniger unausgesprochen, dass jeder Gottesdienst und jede Predigt um diese Themen kreist oder sie gar in Szene setzt. Das ist jedoch nicht der Fall. Zwar trifft es zu, dass praktisch jeder Besucher der Autobahnkirche motorisiert ist; dasselbe trifft jedoch auf die Mehrheit der Gottesdienstbesucher einer Gemeindekirche zu und ebenso auf die Gruppe der Nicht-Gottesdienstbesucher. Ich gehe deshalb von der Prämisse aus, dass die Befindlichkeit und das Interesse von Autobahnkirchenbesuchern prinzipiell dieselben sind, wie bei allen anderen Leuten auch; sie haben Alltagserfahrungen, die Fragen aufwerfen, alltägliche Sorgen und Nöte und sind offen dafür, wenn diese Erfahrungen von der Hl. Schrift her gedeutet werden und ihren Platz in einer Begegnung mit Gott finden. Nach meiner Erfahrung spricht jedoch manches dafür, dass die bloße Tatsache, einen längeren Weg zur Autobahnkirche unterwegs zu sein, die angesprochene Offenheit für die Frohe Botschaft vergrößert. Einen zweiten Aspekt entlehne ich der Gestaltung des Kirchenbaus und der Atmosphäre, die er hat. Die Gradlinigkeit und Durchlässigkeit der Architektur sowie die schlichte, fast karge Ausstattung wurde bereits angesprochen. Ich versuche, die Gottesdienste und speziell die Verkündigung dem anzupassen. Es gibt z.B. keine musikalische Begleitung der Gottesdienste, weil die starken Temperaturschwankungen in der Kirche jedes Instrument rasch zugrunde richten würde. Das Liederbuch der Autobahnkirche ist ein Auszug aus dem Gotteslob, der nur ca. 70 der bekanntesten Lieder umfasst; diese singen wir a capella. Trotzdem ist der Gesang keineswegs schütter oder zaghaft und auch die unausweichlichen Wiederholungen haben bei regelmäßigen Gottesdienstbesuchern noch nie Kritik oder Langeweile hervorgerufen. Entsprechend sparsam versuche ich, mit dem Wort umzugehen. Heribert Arens OFM hat einmal zur heutigen kirchlichen Situation geschrieben: "Bei alldem drohen Kirche und Welt sich immer mehr auseinander zu bewegen. Es entsteht ein breites Niemandsland, in dem Christen nicht wissen, wohin sie gehören, in dem sie nach Zeichen der Orientierung, nach prophetischen Zeichen (...) rufen. (...) Immer mehr Christen können mit dem Graben zwischen Kirche und Lebenswirklichkeit nicht mehr leben." Aus welchen Gründen auch immer: die Autobahnkirche scheint ein Haus inmitten dieses Niemandslandes zu sein, in dem sich Menschen wohlfühlen, weil sie als solche bereits ein Zeichen der Orientierung ist. Die Autobahnkirche wird für sie zu einem geistlichen Ruheplatz, an dem sich innere Klüfte schließen. Vielleicht ist die Autobahnkirche deshalb wirklich eine "Raststätte für die Seele".

Wort und Antwort, Reise und Tourismus, April/Juni 2000, Zeitschrift für Fragen des Glaubens, Beitrag von P. Dr. Dietmar Schon OP, S. 81-84.